Juhu, ich bin ein Ausserirdischer. Jedenfalls fühle ich mich so, weil ich diesen Schrieb von Thomas Rottenberg nicht skandalös finde. (Siehe auch EuroRanch Messageboard.) Die Anklage: Rottenberg ist ein arrogantes Arschloch und sollte aus diesem Grund nicht im Standard schreiben dürfen. Wow. Ich und andere sind der Meinung, dass es gelegentlich gut ist, ein öffentliches Arschloch zu sein. Dass das jetzt im Standard passiert und tausende Leute ihre Identifikationsplattform verlieren muss gewiss hart sein. Mein Mitgefühl ist euch sicher.
Dabei ist der Text harmlos. Ich schlage vor, Moorbek eine Kolumne im Standard zu geben.
Lustig zu sehen, wie Leute zwar fühlen aber nicht genau fassen können was sie an dem Text aufregt, und dann in ihren erzürnten Reaktionen so arg danebenhauen. Der Tabubruch ist ja, dass Rottenberg den Augustin-Verkäufern die Anerkennung für ihre Arbeit verweigert, indem er die Zeitung kauft ohne sich dafür zu interessieren, oder gar ihnen Geld anbietet, aber keine Zeitung dafür will. Ansonsten fast überkorrekt. Mehrfach hat er versucht, den Augustin gut zu finden. Und dass er sich in einer (fiktiven oder realen - jedenfalls leider abstrahierten) Szene von einem aufdringlichen, stinkenden Verkäufer belästigt fühlt ist doch nichts zum drüber aufregen. Ich jedenfalls fühle immer mit Leuten, die sich nicht mit einem Schmäh aus einer derartigen Situation retten können - egal ob es an der eigenen sozialen Kompetenz oder an der Empfänglichkeit für Subtilitäten des anderen hapert. Aber da ist dann zu hören, dass alles an Rottenbergs zu kleinen Zumpferl liegen muss, oder dass Gestank nicht stört, wenn die Ursachen im Sozialbereich liegen. Oh well. Raffiniert.
ich mache das in Hamburg genauso wie der Herr Rottenberg in Wien. Gebe denen Geld und lasse ihnen die Zeitung. Weiß nicht mal mehr, wie die hier heißt. Scheißblatt, das. Warum soll ich Scheißblätter lesen. Außerdem habe ich zwei Standardantworten für Schnorrer. Wenn ich ihnen NICHTS geben will (was häufiger vorkommt, da ich mein Kleingeld für den Zigarettenautomaten brauche), sage ich: "Danke schön". Das verwirrt schon ziemlich, wenn man schnorrt und dann behandelt wird, als würden sie einem etwas geben wollen und man sagt, nein, danke schön. Na ja, ist mir beim ersten Mal gedankenabwesend passiert und jetzt kann ich es mir nicht mehr abgewöhnen, schlechtes Benehmen, ich weiß. WENN ich allerdings Schnorrern etwas gebe, dann immer ordentlich viel, so ab 10 Mark aufwärts, aber gegen das Versprechen, dass sie sich ansaufen. Und eine Zeitung will ich dafür nicht haben.
hannes, dich auch noch so justament hinter deinen standpunkt zu stellen, macht ihn nicht besser. tabus haben in der gesellschaft auch einen nutzen. natürlich wäre es auch nachvollziehbar, wenn ein vater seine tochter geil findet. tut man aber nicht. sozial schwache als lästiges pack hinzustellen tut man auch nicht. billiger gehts nicht!
praschl, du bist echt ein toller hecht. wie du das alles so machst - alle achtzig! ich mein, wer kann schon so lässig schnorrer verwirren? und echt super correct, wie stolz ihr auf eure almosen seids.
dass rottenberg ein eitler, arroganter und ich-fixierter vollkoffer ist, hat übrigens nichts mit diesem artikel zu tun. der ist bloß ein resultat daraus.
Jemanden sozial schwachen als lästig empfinden tut man nicht? Das ist ein interessanter Standpunkt.
Wenn du meinst in dem Artikel werden sozial Schwache generell als lästiges Pack hingestellt: kannst du mir die Stelle zeigen? Ich finde da nichts von Leuten, die nerven, weil sie auf öffentlichen Plätzen rumhängen, weil sie schnorren oder etwas verkaufen wollen. Ich finde nur etwas von einem, der nicht gut riecht, sich ungefragt zu nahe an einen hinsetzt und ein penetranterer Verkäufer ist als die Zeugen Jehovas.
In Wien gibt's eine Sandlerzeitung
die hofft auf weiteste Verbreitung.
Doch ist's ums Geld für sie zu schad,
denn sie schreibt trocken, öd und fad
und unterhaltend keine Spur
von Sandler-Fachproblemen nur.
Da hilft's auch nichts im Großen, Ganzen,
wenn lästig wie die Läus und Wanzen
des Blättchens Kolporteure sind.
Nur bessrer Wert ist's, der gewinnt!
Quelle: Kronen Zeitung, Freitag, 10. August 2001, Printausgabe, Wolf Martin, "In den Wind gereimt", Seite 2.
Vor ein paar Jahren hab ich den Augustin immer gern gelesen, wenn ich ihn in die Hände gekriegt habe (als nicht-U-Bahn-Fahrer nicht ganz leicht). Vor einem halben Jahr aber hab ich ein Exemplar erwischt, von dem ich verdammt enttäuscht war. Ich hatte wirklich das Gefühl, dass die Qualität in den Keller gegangen ist. Seitdem hab ich keinen Augustin mehr gekauft - nicht aus Vorsatz, sondern mangels Lust und Gelegenheit - irgendwann werd ich sicher wieder reinschauen.
Jetzt Frage: wer nimmt die Zeitschrift ernst(er): Jemand der sagt "sowieso gut", oder jemand, der überhaupt mal enttäuscht sein kann (und sie dann aufgrund der Enttäuschung vielleicht nicht mehr kauft)?
Na ja. Den Herrn, um den es hier geht, kenne ich ja nicht. Und die Zeitung auch nicht. Hier in HH ist es so, dass die Obdachlosenzeitung kaum etwas mit Obdachlosen zu tun hat und so ein langweiliges Mitleidblatt ist, das genau wegen des Mitleidheischens ohne Ende nervt. Und in den anderen Zeitungen wird das dann so verkauft, dass die Obdachlosen jetzt etwas SINNVOLLES tun und für ihre Almosen ARBEITEN. Mich nervt aber diese Vorstellung, dass ein Armer für ein wenig Almosen auch noch HACKELN soll und etwas SINNVOLLES machen. DAS empfinde ich noch als eine Extra-Demütigung.
Und weil ich diese Leute so satt habe, die 10 Pfennige herausrücken mit den Worten "aber nicht versaufen" (wir haben es hier mit protestantischem Puritanismus zu tun), sag ich halt immer, dass sie es versaufen sollen. Hätte ich erklären sollen, gebe ich zu.
Und da ich eine Mark für zu wenig halte, aber nicht immer zehn Mark oder zwanzig übrig habe, gebe ich halt seltener den Leuten was, dafür aber dann ausgiebiger.
Ich hatte ja wieder einmal keine Ahnung, obwohl ich es mir denken hätte können, dass der Kronen-Fascho-Poet auch darüber eines seiner Gstanzeln gedichtet hat.
So I did not want to hurt somebody. Sorry.
Mir ist gerade eingefallen: Es ist länger her, dass ich einen Standard gekauft, gestohlen oder gelesen hätte als einen Augustin. Das einzige mal, dass ich im letzten Jahr einen Standard gekauft habe war, als ich in einer Trafik einen Tausender wechseln wollte (blöd aber wahr) und ich hab ihn nicht gelesen.
Vorhin mit Tobi über das Thema gesprochen, und er war überrascht über meinen Standpunkt und hat gemeint, dass der hier auf Henso.com ganz und gar nicht zum Ausdruck kommt. Also:
Es ist nicht so, dass ich das gut finde, was Rottenberg da schreibt, ich finde es unsympatisch und auch auf eine subtile Art reaktionär (hab ich oben versucht zu erklären). Worum's mir geht ist, dass der Standard als solches wurscht ist (mir). Thomas Rottenbergs Kolumne ist ein Weblog, das ich nicht lese. Ob der Domainname derstandard.at, krone.at oder rotte.com heisst ist mir vollkommen gleichgültig. Klar ist das eine höchst subjektive Wahrnehmung, aber sie ist sehr real, begründet - und es ist die einzige, die ich habe.
Das hat eben damit zu tun, dass überall, wo ich mich aufhalte, Laptops mit Funkstandleitung rumliegen. Ich lese Laptops wie Zeitungen im Bad oder auf dem Klo, ich schmeiss sie auf den Tisch oder auf die Couch wenn ich fertig damit bin, das einzige was ich nicht mache ist Fliegen abklatschen. Ich hab auch mal gedacht, dass ich Papierzeitung nie ganz aufgeben werde, aber das stimmt nicht: heute kommt es mir absurd vor, eine Papierzeitung zu lesen. Für mich ist ein Artikel auf derstandard.at so gut wie ein Eintrag auf euroranch.org, und letzteres lese ich (wie gesagt) bedeutend öfter (mich nervt die Navigation beim online-standard).
Wie gesagt, subjektive Sicht. Aber so blöd es klingt: das ist die Richtung in die es geht. Ich bin heute nicht mehr auf einen bestimmten Informationslieferanten angewiesen, schon gar nicht muss ich mich für einen entscheiden. Die Wut und Empörung kommem mir lustig vor, und ich kann sie eben nur verstehen als Wut und Empörung gegenüber jemanden, auf den man in der einen oder anderen Art angewiesen ist. In nicht allzu ferner Zukunft wird's mehr Leuten so gehen wie mir.
Vielleicht klingt mein heutiges Posting in diesem Licht ja etwas anders.
weblogs sind nicht dasselbe wie online-zeitungen, und wenn ein journalist auf der homepage einer zeitung etwas veröffentlicht, hat das einen anderen stellenwert als wenn jemand was in sein weblog schreibt.
du mußt dich vielleicht nicht für was entscheiden, weil du laptops hast und was weiß ich. ich ja auch nicht.
aber die österreichische medienkonzentration, mangelnde standards im journalismus, die dazu führen, dass gerade online-ausgaben von österreichischen tageszeitungen zu freien tummelplätzen journalistischer eitelkeit werden, in denen ein geschmäcklerischer "ich pfleg hier mein ego und das ist gut so"-standpunkt hinausposaunt wird - das alles sind echte probleme. an mangelnder kritischer öffentlichkeit in diesem land wird man gerade mit einem subjektivistischen "iss ja nur meine wahrnehmung und so seh ich das halt"-weblogzeugs, das behauptet, sich seine eigene öffentlichkeit zu schaffen, in wirklichkeit aber meist nur seine eigene kleinfamilie öffentlich darstellg und befriedigt, nichts ändern.
mußte auch mal raus, das.
im übrigen finde ich die ironie schon köstlich: da ereifert sich ein journalist eines mediums, dem publikation journalistischer qualität auch nicht als leitziel oder leitmotiv attestiert werden kann, über ein anderes, das seinem eigenen gerade in dieser hinsicht wirklich gleicht. könnte man nicht sagen, dass rottenbergscher stadtjournalismus sich eigentlich mit ausnahme anderer themen und vielleicht besserer rechtschreibung nicht wirklich von augustin-journalismus unterscheidet?
Wieso ist das was anderes, wenn das auf der Website einer Zeitung steht? Wegen der Reichweite? Das ist ein gradueller Unterschied, wenn überhaupt. (Bin mir sicher, dass die "grösseren" privaten Weblogs mehr Leser haben als Rottenberg online.)
Ich würde das auch nicht "Journalismus" nennen, nur weil's auf einer Zeitungs-Site steht. Die Grenze zwischen Bloggen und Journalismus wird sicher noch ganz gehörig verschwimmen.
Und "meine Öffentlichkeit" ist keine "Kleinfamilie" sondern umfasst alles, was an mich herangespült wird, und das ist eine verdammt breite Auswahl - quasi das Gegenteil einer Kleinfamilie. Aber ja, gewisse Anlaufknoten haben was familiäres, das stimmt.
wenn was auf der website einer zeitung steht, ist es was anderes, weil die bedingungen, unter denen es zustande kommt, anders sind. da stecken redaktionen dahinter, presseagenturen, überlegungen zu inserentennichtverärgerung undsoweiter. für mich ist alles journalismus, was auf einer zeitungsseite steht (mit ausnahme der leserkommentare), und ich glaube, da bewege ich mich durchaus im mainstream der surfer-erwartungshaltungen. damit ist natürlich nicht gemeint, dass *nur* das im netz journalismus ist, was auf zeitungs- oder sonstigen deklarierten medienunternehmenssites rumsteht.
deine oder meine persönliche öffentlichkeit mag sein, was immer sie will, aber eine kritische öffentlichkeit, wie man sie sich beim demokratischen nasenbohren so gern vorstellt, ist sie deswegen noch nicht.
Mhh, kritische Öffentlichkeit, ja, das wäre schön.
Aber dass das mit Zeitungen in Österreich nicht mehr gelingen wird steht doch mittlerweile fest. Ich mein: schau dir die finanziellen Situationen der Zeitungen an, besonders die der "guten". Der ÖQZ-Markt ist zu klein, zu zersplittert und zu permeabel (v.a. aber nicht nur aus D).