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 Wednesday, 9. May 2001 

Ich habe die Amica gekauft und ich sage euch: Es ist einfach nicht dasselbe.

unerreicht

Heute hier zum ersten mal von einer deutschen Zeitschrift namens twen gehört, die in den Sechzigern ziemlich tonangebend gewesen sein dürfte. Eher vergeblich nach einem ganzheitlichen Link gesucht, so in der Art "Was war twen". Aber ich hab's glaub ich eh schon begriffen. Mother of german lifestyle mags, offenbar in vieler Hinsicht unerreicht.

Gerade hab ich mir die Probepackung eines Schönheitsproduktes, wie sie Frauenzeitschriften beizuliegen pflegen, ins Gesicht geschmiert. Genauer gesagt handelt es sich um Vichy Fond de Teint Creme Satinée, und das Zeug hat alle Eigenschaften von brauner Ölfarbe. "Die luftdurchlässige Mikro-Struktur verstopft nicht die Poren, lässt die Haut frei atmen und sorgt für gleichmäßigen Teint." Das einzige was davon stimmen kann ist das mit dem gleichmäßigen Teint, denn unter dieser Spachtelmasse verschwinden sogar meine Bartstoppeln und bilden nur mehr eine kräuselige Dünenlandschaft. Arghhhh! Weg du Scheiss!


 chronistin , 9. May 2001 gegen 10:58 

Um das herauszufinden hättest sie aber nicht kaufen brauchen *gg*

 hns , 9. May 2001 gegen 11:53 

Wieso nicht? Ist das mindeste, was ich meiner Neugierde schuldig bin. Habe herausgefunden, dass diese Art Magazin bei mir nicht so funktioniert. Aber kann sich ja auch noch ändern.

 praschl , 9. May 2001 gegen 13:04 

Danke, dass Du Dich an der Refinanzierung meines Gehalts beteiligt hast.

"Diese Art Magazin": Darüber könnte ich viel erzählen. Als ich vor sechs Jahren, vom "Stern" kommend, zur "Amica" stieß, wollten wir etwas einigermaßen anderes machen als das Blatt jetzt ist - ein general interest magazine mit einer erkennbaren Hinwendung zu Frauenthemen (so wie der Stern ein "männliches" general interest Magazin ist). Wir dachten, dass das ein immens erfolgreiches Konzept sein könnte, weil es so etwas ja nicht gab - und noch immer nicht gibt. Es gibt diese sehr routinierte, fast reflexhafte Verachtung des Genres "Frauenmagazin", und ich habe mich oft gefragt: wieso, ist das nicht vielleicht auch eine Verachtung der Leserinnen (die ja zusammengezählt in die Millionen gehen), warum wirft niemand "Männermagazinen" (Computer, Auto, Sex) zum Beispiel "Oberflächlichkeit" vor, warum ist "Lifestyle" im Wallpaper okay, aber nicht in einem Frauenblatt? Und warum nimmt man Männerblätter ernst, in denen zwei oder drei klasse Geschichten stehen, aber nicht Frauenblätter, in denen es sich so verhält? Warum sieht man in der einen Gattung die Einzelheiten schneller als in der anderen? Und lässt sich das verändern, und wie schnell lässt sich das verändern?

Ich habe in den vergangenen sechs Jahren ziemlich viel gelernt über das KonsumentInnen-Beharren auf Genres, Verlässlichkeit, Vorhersagbarkeit. Es scheint so zu sein, dass an ein Frauenmagazin ziemlich rigide Erwartungen gesetzt werden, was das Gefühl betrifft, das die Leserin vermittelt bekommen will. Sie nimmt das Blatt fast wie eine Art Freundin, guter Bekannter wahr, mit der man sich dann zurückzieht (ja auch in die Badewanne). Sie will gepampered werden. Sie will betütelt werden. Sie will, dass über all den Scheiss da drin was steht, der Jungs nix angeht. Sie will, dass man ihr auf die Schulter klopft. Wenn man davon zu wenig hat, wird man am Markt sofort bestraft, die Auflage sinkt usw. Wir haben zum Beispiel in den ersten vier Jahren kein Horoskop gehabt - und dann nach ungefähr 10.000 Briefen, die das haben wollten, aufgegeben. Muss sein, scheint so. Was wir immer noch nicht haben und auch nie haben wollen: Diäten, Kalorienzählscheiss. Aber wir kriegen diese Briefe, in denen verzweifelt gefragt wird, wie man denn nun dünner werden könne, und was denn nun wirklich hilft, usw. Muss so sein, scheint so. Wir haben am Anfang Modegeschichten und Reportagen hart nebeneinander geschnitten. Klappte nicht. Die brauchen einen Modeteil, der vom Rest getrennt ist, weil sonst der Eskapismus der Mode nicht mehr funktioniert. Was ich damit sagen will: wenn man sich nicht darauf beschränken will, von vornherein für die kleinen Minderheiten zu publizieren, muss man einen bestimmten Prozentsatz von Erwartungen erfüllen, sonst verabschiedet sich die Leserin sofort. Ist vermutlich in allen Print-Magazinen so, aber in Frauenmagazinen vielleicht ein wenig rigider. Die Qualitätsunterschiede in "dieser Art Magazin" liegen eher in den Details, im Anteil des Schmuggelguts, das von den einzelnen Heften transportiert wird. Amica zum Bsp. (aber auch Allegra) hat eine okay-Haltung zum Sex - also nicht diese Anpasserinnen-Ratschläge von wegen zieh Dir hübsche Dessous an, dann klappt das auch, und sei nicht zu kritisch mit ihm. Oder wir haben wenig von diesem Psychokram, der eh nur den weiblichen Selbstzweifel fördert. Dafür viel Ironie, Verarsche, Selbstironie. Oder wir haben eine ganze Menge Geschichten über Themen, die eher selten in "dieser Art Magazin" vorkommen. Oder wir nehmen manche Themen unerwartet ernst (zum Beispiel über 20 zu sein und noch nie Sex gehabt zu haben. Da hab ich mal drüber ein 20.000 Zeichen Stück geschrieben. Oder wir hatten ein langes Stück über die Fehler der New Economy. Oder im nächsten Heft ist eine beeindruckende, sehr lange und sehr präzise Geschichte über das Nachlassen der Begierden in langen Beziehungen). Mainstream, but with a twist. Rede ich mir zumindest ein. Hoffe ich jedenfalls. Allerdings bemerke ich natürlich schon des öfteren, dass das "Genre" möglicherweise zu "groß", zu "belastet" ist, damit gelegentlichen Lesern das noch auffällt. Ach ja, noch was: handwerklich ist das Teil verdammt gut gemacht, nicht nur innerhalb des Genres "dieser Art Magazine".

Und natürlich gibt es daneben das, was ich sonst noch tue. Die Vorstellung, identisch mit seinem Arbeitsplatz sein zu sollen, ist mir eh unheimlich. Gab´s schon mal in den späten 60ern und frühen 70ern, und gibt es wieder, seitdem die New Economy existiert. Ich schäme mich nicht im Geringsten dafür, bei Amica zu arbeiten, schon, weil ich klasse Arbeitsbedingungen habe, bessere, als ich sie je kannte; ich kann da tolle Sachen tun, und die Texte, die ich schreibe, sind völlig okay, und manche sogar sehr gut, außerdem mag ich das Heft (nicht jedes gleichermaßen, und nie alles, was drin steht, aber das geht mir bei jedem Heft so, das ich lese). Aber ich bin mehr als ein Amica-Autor, mich interessieren mehr Dinge als die Amica interessiert, und ich schreibe mehr als für die Amica (übrigens auch mehr als für Amica & Sofa & Sofa Blogger zusammengezählt). Der Sofa Blogger ist meine "andere Art Magazin", nicht aus Notwehr, sondern als ein Experiment, das ich mit mir selbst veranstalte (und mit den Lesern, of course), ein anderes Genre (das öffentliche Private, die hakenschlagende Fortschreibung usw.), in dem für mich einiges zu stecken scheint, von dem ich noch nicht wirklich weiß, wo es hin könnte.

Übrigens habe ich auf meine kleinen Badewannen-Meditation gestern (wie von mir erwartet) nicht wenige Reaktionen bekommen. Mehr als sonst. Sehr spannend.

Wie kann man eigentlich eine Chronistin sein, wenn man alles schon vorher weiß? Frag ich mich gerade.

 chronistin , 9. May 2001 gegen 13:05 

Komisch, bei mir auch nicht 8-}

dabei bin ich doch Zielgruppe... mittelaltes, jungbleibenwollendes weibliches wesen

*oops* jetzt hab ich mich aber geoutet :-#

---hoppla, jetzt ist mir PP dazwischengekommen. Kommentar gilt hensos erster antwort---

PP, das war recht spannend zu lesen. Das mit den Erwartungen hatte ich so ähnlich befürchtet. -

Und ich bin eigentlich nicht berüchtigt dafür, Dinge vorher zu wissen. Habe nur eine Tante, die, in der Hoffnung, mich doch noch zu einer richtigen Frau zu erziehen, immer einen Stapel solcher Magazine mitbringt. Die sie mir dann, wenn ich nicht interessiert genug darin blättere, seitenweise vorliest. *schnarch* Amica gehört ohnehin noch zu den erträglicheren.

Die Tante übrigens, aber das nur am Rande, gehört zu dem Frauenschlag, der stundenlang über Emanzipation reden kann ("Ich bin ja eine sehr emanzipierte Frau" etc blabla) aber dann, wenn eine Glühbirne kaputtgeht, den Kopf schieflegt und sich auf die Suche nach einem echten Mann macht, vor Angst, sie könnte sich beim Leiteraufstellen die Fingernägel abbrechen. *seufz*

 kris , 9. May 2001 gegen 13:49 

weil wir gerade bei der presse sind: wieso gibt es eigentlich kein deutsches equivalent zur face? wuerde es hier nicht funktionieren? zu wenig interesse an pop-kultur ohne den tiefen diskurs?

 hns , 9. May 2001 gegen 14:11 

Praschl: weil mir deine Haltung gefällt hab ich's mir ja auch angeschaut. Sozusagen "the genre may be fucked but that doesn't reflect on me, und wenn ich das mache ist das sowieso schon was anderes" (wenn ich das richtig verstehe). Ich hatte mal eine Freundin die Redakteurin war, die hat mir beigebracht, dass man nicht die Coolness einer Publikations-Marke auf die übertragen kann, die dort arbeiten, und dass im Gegenteil uncoole Publikationen oft Vorteile haben. (Sie hat auch mal für eine relativ unhippe Zeitung gearbeitet.)

Was ich übrigens mit "diese Art Magazin" meinte: Beim ersten Lesen hatte ich das Gefühl, dass sich das mehr an "gesetztere" Frauen wendet, während ich mich noch eher an der Jugendkultur orientiere. Ich hab nämlich gleich so Themen wie Geldausgeben und Heiraten erwischt. Jetzt allerdings blättere ich das ganze erstmals in Ruhe zuhause durch und stelle fest, dass mir doch sehr viel gefällt. Ich glaube sogar ich werde noch ein paar Viertelstunden hier sitzen und blättern.

Das ist jetzt natürlich blöd weil erstens: warum schreib ich das nach flüchtigem Lesen in betrunkenem Zustand um 2 Uhr morgens im Rhiz, und dann auch noch Arschkriecherverdacht. Aber damit werd ich auch noch fertig.

 hns , 9. May 2001 gegen 14:34 

Alles falsch, jetzt weiss ich was es war: Beim ersten mal hab ich gleich angefangen zu lesen, rein in den erstbesten PP-Artikel. Jetzt blättere ich, samt Werbung und allem, flap, flap, flap, das funktioniert besser. Alles eine Frage der Herangehensweise.

 chronistin , 9. May 2001 gegen 14:51 

...und wieso eigentlich 2 uhr morgens? ...

 hns , 9. May 2001 gegen 15:00 

Weiss nicht, hat sich so ergeben.

 praschl , 9. May 2001 gegen 15:08 

nee, nee, nee, nee. ich wollte mich jetzt nicht besser machen als das blatt, für das ich schreibe. missverständnis. ich denk nur über das genre nach, in dem ich arbeite, weil mich zunehmend genres interessieren, und das, was sie machen mit ihren konsumenten. ob man sie verändern könnte. wie man sie verändern könnte. wie sehr man sie verändern könnte, ohne dass der user davon läuft.

ein deutsches face funktioniert, glaube ich, deswegen nicht, weil es zuwenige schreiber gibt, die die nötige haltung dafür hätten. popintelligenz ist hier sowieso nur in spurenelementen vorhanden. und die einschlägigen schreiber wollen immer BEWEISEN, dass SIE die coolen hunde sind, statt einfach nur genau zu erzählen, was da ist und worauf es hinausläuft. woran das liegt, weiß ich auch nicht. leider, sonst würd ich sofort was gründen.

es gibt, jedenfalls in deutschland (in ö weniger, imho...) zu viel programmatik und zu wenig sensorium. und da popintelligenz mehr mit sensorium als mit programmatik zu tun hat (auch wenn es überall anders geschrieben steht, was kein wunder ist, weil es die propagandisten geschrieben haben), sehe ich da schwarz.

mein erster job als journalist war ja der österreichische wiener, 1985, in der peichl-hopp-zeit. die haben mir dann oft erzählt, wie es zur gründung des wieners kam: man wollte eben auch so ein magazin haben, wie man es beim morava in der wollzeile oder bei shakespeare und co. kaufen konnte. so ein details, interview, face usw. und deswegen haben sich ein dutzend zeitschriftenmaniker zusammengesetzt und das für wien erfunden, eher intuitiv als überlegt, eher sensorisch als programmatisch. waren ja fast alles laien, dilettanten, amateure damals, aber gute konsumenten gewesen, die beim konsumieren viel begriffen haben. und dann hat es gerockt, ein paar jahre lang jedenfalls.

irgendwann hat man das bei den deutschen verlagskonzernen mitbekommen, und dann kam es einerseits zu den gründungen von tempo (r.i.p.) und des deutschen wieners (r.i.p.). die beide nach einigen jahren nicht mehr gerockt haben. ich glaube bis heute, dass das vor allem daran lag, dass es zum missverständnis kam, der wiener (wien) hätte ein genre ("zeitgeist") begründet, und wie in jedem genre müsse es REZEPTE geben, STRICKMUSTER - das ding wurde also sozusagen in eine programmatische handlungsanweisung übersetzt, in einen, wenn du so willst, business plan, in marktforschung, in "zielpublikum", target marketing usw. geht nie gut. zeitschriften funktionieren viel besser, wenn sie einerseits von menschen mit einer guten beobachtungsgabe gemacht werden, die halt mitbekommen, was sich so tut, was in der luft liegt usw., und wenn sie andererseits handwerklich gut sind (also wissen, wie man eine geschichte erzählt, eine fotostrecke präsentiert, eine typo einsetzt, mit weißraum umgeht usw.). ich befürchte aber, dass das sogar die meisten zeitschriftenproduzenten nicht mehr wissen (sonst würden sie nicht so viel marketing talk reden), und verlage begreifen das auch zunehmend weniger (weil sie medien-content-konzerne geworden sind und keine verlegER mehr, die irgendeine obsession haben. das problem ist: hier in D zum beispiel kostet eine markteinführung über 50 mio DM. da will man sich dann eben absichern, und absicherung ist marktforschung, marketing, blablabla.) das problem ist: ehe man etwas erfunden hat, kann man nicht herausfinden, wie es ankommen wird. schon per definition nicht.

ich glaube zum beispiel, dass man im deutschsprachigen raum ganz dringend eine mischung aus lifestyle- und sinn-zeitschrift machen müsste. es gibt ja mittlerweile immens viele leute so ab 35, die die wilden jahre hinter sich haben, ihrer aber immer noch gerne gedenken, aber damit begonnen haben, über dem sinn von dem ganzen nachzudenken, die sich für pop und politik interessieren, für die richtige einrichtung einer gesellschaft, aber auch ihres eigenen lebens, die sagen wir eltern geworden sind oder daran denken, es bald zu werden, die spirituelle leere empfinden, aber den eso-mumpitz nicht mitmachen wollen. usw. usf. ich jedenfalls bin so jemand und ich kenne nur leute, die so sind. und es wundert mich sehr, dass es für solche leute keine zeitschriften gibt, ich muss mir immer 20 blätter kaufen und daraus meine imaginäre zeitschrift zusammensetzen. aber das kriegt man bei einem verlag ziemlich sicher nicht durch. weil das marketing dieses bedürfnis nicht operationalisieren kann, weil es das ja noch nicht gibt, also nicht in befragungen umgesetzt werden kann.

 hns , 9. May 2001 gegen 15:47 

50 Mio DM sind brutal. Das viele Geld kann schon auf die Experimentierfreude drücken, auch wenn es einem nicht selbst gehört. Genau aus dem Grund bin ich auch ganz froh, hier in Österreich mein kleines Programmierer-Biotop gefunden zu haben. In D oder USA ist alles 10 bis 50 mal grösser, entsprechend kleiner sind die Freiräume.

Magazinleser oder -junkies: könnte ein Webzine euch ein vollwertiger Heft-Ersatz sein, oder fehlt euch ohne das Papier was? Das wäre nämlich billiger.

 stephan , 9. May 2001 gegen 16:16 

apropos lifestyle-zeitschrift in deutschland: hier funktioniert sowas nicht oder nur ganz schlecht, weil jede neue deutsche zeitschrift immer "wie" irgendwas ausländisches bereits bestehendes sein will oder soll. was natürlich nicht klappt. face auf deutsch wäre auch tatsächlich nicht mehr gut, sondern eben nur das deutsche remake der face. ich weiß, immer mit dem 'twen'-beispiel anzukommen ist mittlerweile langweilig, aber in puncto innovation und nicht-imitation meiner meinung nach beispielgebend. außerdem fehlen die guten schreiber, was z.B. bei der "style" das größte manko ist. die beiträge könnten genauso gut in irgendeiner 'prinz' stehen. naja, und die verlage würde sowieso nur stuckrad-barres in die redaktion setzen. und dann wird das sowieso schon mal nichts.
und henso: webzine wäre für mich kein ersatz. print müßte schon sein, und der geruch nach druckerfarbe und dickes papier und der akt des einkaufens.

 praschl , 9. May 2001 gegen 16:41 

Twen: Ich hab letztes Jahr für 600 Mark 65 Hefte bei einem Wiener (!) Antiquariat gekauft. Immer noch gut. Titelzeilen wie: "Was Liebe nicht ist" oder "Ich liebe meine Frau" (was sich offensichtlich schon damals, 1965, außergewöhnlich anhörte). Und dieses gigantische Fleckhaus-Layout. Die Texte allerdings sind zu meinem Erstaunen einigermaßen mäßig gewesen (mit allerdings umwerfenden Ausnahmen). Was mich bei Twen am meisten fasziniert, ist die Haltung: Das Fragen-Stellen, um genau zu sein. Merkwürdigerweise stellen Zeitschriften immer weniger Fragen. Obwohl das doch der Anfang von Journalismus ist - "wie ist das eigentlich?", "wie ist es wirklich?", "was sagt der oder die dazu?", "wie denkt der?". Deswegen muss ich auch jede Woche den New Yorker lesen - die machen das noch. Irgendwo hinfahren, fragen, gucken, zuhören, schreiben. So soll´s sein. Auch im Lifestyle-Journalismus.

Papier: Ich habe zunehmend das Gefühl, es wird irgendwann darauf hinauslaufen, dass die spannenderen Texte im Netz stehen werden, allerdings an vielen verschiedenen Orten und nicht gesammelt. Das Problem an Web Magazinen ist: dass die Optik wegfällt (für Fotos braucht man Weißraum, Papier, Druckqualität usw.), dass sie den Leser in eine unschöne Körperhaltung zwingen, dass das Blättern durch nichts zu ersetzen ist, und dass das Netzt nicht wirklich anfängt und nicht aufhört - während man Zeitschriften als Kompositionen wahrnehmen kann, und wenn das jemand gut macht, kann einen das schon sehr glücklich machen.

Frage: Warum ist es in Deutschland eigentlich unmöglich, ein anständiges Magazin nur in einer Stadt, nur für eine Stadt zu machen? Und dann zu gucken, ob die anderen es auch haben wollen? Man könnte ja nur für Berlin, oder Hamburg, oder München ein anständiges Magazin gebären, das auch keine "Stadtzeitung", "Programmzeitung" oder so etwas sein müsste, aber die entertainment listings halt auch hätte (hat ja der New Yorker auch). Hier denkt man immer, dass das auf Prinz hinausläuft. Muss es aber gar nicht. Liegt es daran, dass die Märkte zu klein sind? Oder dass niemand denkt, man DÜRFE das tun, an diesem innerlichen Föderalismuszwang, den hier so viele haben?

 stephan , 9. May 2001 gegen 17:49 

twen: 600 mark für 65 hefte, super preis. mein freund als alter fleckhaus-verehrer sammelt schon ganz lange alles mögliche von fleckhaus, auch die olympia-bücher und so kram. aber in den letzten jahren sind die twens immens im preis gestiegen.

stadtmagazin: der ruf des mediums ist einfach durch prinz und die ganzen gratis-publikationen total im arsch. es müßte schon gewährleistet sein, daß es keine stadt-selbstlobhudeleien vorkommen und keine pr-textchen zu aktuellen konzerten oder anderen veranstaltungen gibt. außerdem halte ich die deutschen großstädte, berlin ausdrücklich eingeschlossen, für viel zu provinziell. und das darf dann nicht abfärben, was schwierig werden dürfte. weißnich. das müßte schon was ganz tolles sein, damit das auf lokaler ebene funktioniert.

 kris , 9. May 2001 gegen 18:01 

mit "wie die face" meinte ich auch nicht, eine deutsche kopie, aber stephan bezog sich sicher auch eher die, die das konzept machen. wahrscheinlich wuerde ein deutscher ableger voll in die hose gehen.

uebrigens zieht die face (neben dem 80er revival *urgh*) gerade einen ziemlicher deutschland/oesterreich-hype ab, insbesondere bei musik, (web)design und teilweise auch mode. demnach passieren hier genuegend interessante und innovative dinge.

ich kann nicht sagen, ob sowas hier aufgegriffen wird, da ich nur die de-bug (hassliebe) regelmaessig lese. anderes gelegentlich beim frisoer oder auf reisen. aber ich glaube nicht, dass man irgendwo jenseits von musik zeitschriften mehrseitige artikel ueber korrekte bands, design (keine moebel!), modern art etc. findet.

 praschl , 9. May 2001 gegen 18:13 

man kann aber eine zeitschrift auch deswegen machen, WEIL eine stadt so provinziell ist. damit sie dann, wenn es die zeitschrift gibt, nicht mehr ganz so provinziell ist. berlin müsste doch funktionieren, da ist doch genug hedonismus, neues geld, freischwebende intelligentsia versammelt. und da rein macht man dann ein schönes schlaues souveränes magazin, tut zehn seiten programmteil rein, und verkauft es nur in berlin selbst. sofort wird die markteinführung billiger, muss man nicht mehr so viel werbung machen, kriegt man das mit dem vertrieb locker hin. so in etwa könnte ich mir das vorstellen. und die leute in düsseldorf oder münchen, die das haben wollen, müssen zum bahnhof gehen. das face ist ja doch auch in wahrheit ein londoner magazin - und kein britisches oder globales. und ziemlich langsam gewachsen, wenn ich mich richtig erinnere. ich frage mich bloß, was dagegen spräche, eine geduldige wachstumsstrategie zu versuchen (die sich finanzieren lässt), als eine flächendeckende den markt überschwemmende strategie, die riesige investments erfordert.

 praschl , 9. May 2001 gegen 18:25 

ad deutschland/österreich: das face hat recht. da passiert ja auch immens viel. in österreich nimmt man übrigens viel schneller und neugieriger wahr, was in österreich passiert. ein nachrichtenmagazin wie das "profil", in dem sehr schnell und kontinuierlich zum beispiel tosca-cds zumindest annotiert werden, kann man sich in d gar nicht vorstellen. das geht dann in die abonnenten-kultur-beilage oder online. (tageszeitungen allerdings sind ganz okay, in der SZ steht relativ viel interessantes)
was fehlt ist das magazin genau zwischen dem mainstream und dem spezialistentum, von dem einerseits die experten nicht enttäuscht, aber andererseits die neugierigen normalos nicht abgeschreckt werden - nur so bekäme man ein größeres, besser informiertes publikum, aus dem dann wieder spezialisten hervorgingen. ich befürchte aber, dass die spezialisten lieber cool unter sich bleiben und die unwissenden massen verachten wollen und die mainstream-medien schiss haben, am geschmack ihres publikums vorbeizuschreiben (statt ihn halt immer wieder ein wenig zu erweitern, wofür das publikum ja auch dankbar wäre.) schlechte welt, das.

 hannes , 9. May 2001 gegen 19:09 

Jetzt lese ich schon dreimal heute diesen Thread und die Diskussion wird immer spannender.

Und da hätte ich noch eine Frage an die werten Diskutanten: ich kaufe eine Menge Zeitschriften, deutsche, amerikanische, englische und keine österreichischen. Und im Web lese ich auch einige und finde so Sachen wie The Atlantic immer toller. Warum gibt es das in Europa nicht? Am ähnlichsten ist dem in einer wöchentlichen Version ja noch die gute alte "Die Zeit", also ein breites Spektrum an Themen, gut geschrieben und nicht nur an der Oberfläche rumgrundelnd? Gibt es für sowas gar keine Leser hier??

 stephan , 9. May 2001 gegen 21:14 

henso: es gibt ein sehr schönes buch über twen. ich glaube, es handelt sich um den katalog von der münchener ausstellung.
pp: wenn man diese gewisse provinzialität akzeptiert und sich nicht irgendwas schönredet und dann doch berichte über absinth-parties bringt, könnte das schon klappen. überheblich und so ganz außenstehend darf das dann aber auch nicht sein. wenn mich mein laienhaftes pseudowissen nicht täuscht, hakt es doch immer an den werbekunden, bei geringer auflagenzahl. und die finanzierung klappt dann nicht so richtig.
wo wir schon mal bei zeitschriften sind: eine wunderbare filmzeitschrift ist ja z.B. "steady cam", die sich seit jahren trotz größter finanzprobleme hält. sowas mit "lifestyle"-(haßwort)-inhalten. würd ich sofort kaufen und auch für teuer geld.
hannes: die leser für sowas wie atlantic gäbe es hier bestimmt auch. ich denke, es gibt einfach auch zu viele zeitschriften, in denen nur einzelne sachen richtig gut sind. ich kann und will mir nicht jeden tag/wöchentlich/monatlich die sz, die zeit, die faz, spiegel, transatlantik, du, monde diplomatique etc. kaufen. und wahrscheinlich geht es vielen so. überangebot führt nämlich auch zum nichtkauf.

 earl , 9. May 2001 gegen 21:15 

wow. angenehmer thread. man erkennt zwar schon allein an der quantität die professionell journalisten; allerdings ist die qualität hier generell sehr fein. da arbeitet man einen ganzen tag ohne netz und dann back on-line und sowas. baut auf! ich muss jetzt nochmal von vorne lesen ;)

 hns , 9. May 2001 gegen 21:35 

Ich zieh jetzt mal meine eigene kleine Zwischenbilanz, frei nach dem Motto "was wäre ich ohne Schubladen analytische Erkennungshilfen" ;-). Es gibt also das Was und das Wie - worüber man schreibt, und wie man darüber schreibt. Zeitschriften haben nicht das "zwingende" Thema, das z.B. Zeitungen haben. Es gibt also viel Freiraum, was gebracht wird, bzw. ist das eine ganz wesentliche Gestaltungsfrage. Was das Wie angeht propagiert Praschl mehr Sensorium und weniger Programmatik, wozu ich nur cheeren kann. Damit habe ich schon eine schöne Beurteilungsmatrix für Zeitschriften.

Amica zum Beispiel versagt für mich bei der Themenwahl. Ein Artikel über Aerosmith interessiert mich halt nur mässig, selbst wenn er gut geschrieben ist und interessante Beobachtungen zu Herrn Taylors Mund anstellt. Econy hingegen ist ins entgegengesetzte Kästchen gefallen: Die gefeatureten Leute waren immer ganz interessant, aber wie das gebracht wurde war einfach so programmatisch, dass es schon mühsam war.

So, und mit diesen schönen, praxisirrelevanten Erkenntnissen und einem zufriedenen Grinsen setz ich mich jetzt vor ie Glotze und schau mir dieses Fussballspiel an.

Stephan: Merci für den Tip, ist schon so gut wie bestellt! Von wegen Überangebot: Zur Frage "Warum gibt es kein deutsches XXX?" ist mir gerade eingefallen, dass viele hier halt einfach das original Face bzw. den original New Yorker lesen, was es für deutsche Epigonen nicht gerade leichter macht ;-)

 ...s...t...e...f...a...n... , 10. May 2001 gegen 0:06 

deswegen liebe ich netzzeitschriften. ist es das provinztum oder die größe, die befreit? ich denke ersteres. wenn man klein ist, hat man keine verpflichtungen, weil es nicht um geld geht. die großen können es sich nicht mehr leisten, neues zu bringen, da es floppen könnte,- marketing-strategie. und ich finde das neue, ungelesene immer noch am interessantesten (he, ich sollte mir mal ein waschmittel mit solchem aufkleber kaufen). obwohl ich selbst als österreicher (dem deutsche nicht von natur aus symphatisch sind) mein land als provinz sehe, es aber trotzdem (kulturell) mit deutschland gleichstelle, gefällt mir der gedanke: in unserem kleinen alpenkessel darf man sich mehr trauen, weil es nicht so sehr um geld geht. darf man tosca spielen, weil man nicht gleich zugrunde geht, wenn man nicht britney bewirbt, da man weiss, dass diese mehr leser (oder abonnenten) hat. naja, das ist vielleicht falsch. britney ist unter den news-lesern vielleicht weniger verbreitet, als tosca. aber ihr wisst schon was ich meine.
oder ist es gerade die größe, die einen stark macht? das kapital, das vorhanden ist. grundsätzlich unterscheiden sich österreichische finanzierungen nicht von deutschen, wenn es um die zeitung selbst geht. es geht aber um vertrieb.
und deswegen liebe ich netzzeitschriften. die können advantgardistisch, arrogant und experimentalistisch sein. machen zwar auch keinen gewinn, aber bringen mehr seelenfrieden ... (die idee war gut, doch die welt noch nicht bereit)

ach, lasst die news und wiener sterben, die iq's und frauenzeitschriften. ich würde sowieso nie geld verdienen. mir sind die vereinzelten artikel im visions wichtig, interviews mit superstars, die auf den interviewten rücksicht nehmen! (aber das ist nichts für professionelle journalisten) mir sind die zeitschriften wichtig, die professionell sind, ohne es sein zu müssen.

fuck, ich bin schon wieder betrunken. gehe wieder an wehrlos basteln. lese sowieso schon seit jahren keine zeitschriften mehr (aber weblogs), höre kaum noch radio (sogar fm4 selten, aber webradio), sehe kein fern (nicht einmal im web. aber das kommt noch ... ich warte auf waynes world online). naja, ich bin halt ein weltfremder nerd, und diese haben in einem solchen thread ja auch kaum mehr was zu suchen. winamp spielt gerade sigur ros (sagt das nicht alles, in jeder beziehung?)
da fällt mir ein, netzzeitschriften kann man schlecht beim frisör lesen. aber das kommt noch. aber bis dahin kann man mit ihm/ihr tratscheb.

 praschl , 10. May 2001 gegen 0:11 

Hannes:
Warum es Magazine wie das Atlantic Monthly hier nicht gibt, weiß ich nicht. Ich habe eine Vermutung, aber keine Ahnung, wie ich sie überprüfen könnte. Meine Vermutung lautet: In den USA gibt es anders als hier ein ökonomisch relevantes Publikum, das sich ganz generell für die WELT interessiert. So vage, wie das klingt, ist es auch gemeint. Sich für die Welt interessieren, neugierig zu sein, bedeutet: erstmal gucken wollen, was mir ein Magazin zu bieten hat, erstmal reinlesen. Im Atlantic Monthly gab es in den vergangenen Monaten Titelgeschichten - und das bedeutet 15, 20 Seiten ohne viel Illustration - über einen Weintester, über den Niedergang Russlands und über die neue Studentengeneration an den US-Unis. Sagt mir: Es muss eine Menge Leute geben, die so neugierig sind, dass sie da zumindest hineinlesen. Also offene Leute, universal interessierte Leute, enzyklopädisch neugierige Leute. Mir kommt eine solche Haltung ja völlig selbstverständlich vor, weil sie ja (blödes Wort:) "menschlich" ist. Ich interessiere mich ja auch für Außenpolitik, Genuss, die Zukunft des Internets, Jazz, die byzantinischen Riten der Modewelt, midcentury modern design, Fußball usw. usf., und ich interessiere mich so sehr dafür, dass ich über diese Themen gerne viel lesen will, wenn es denn gut recherchiert und gut erzählt ist. Und da ich weiß, dass im Atlantic Monthly jede Geschichte gut recherchiert und gut erzählt ist, lese ich auch die Geschichten, von denen ich mir erst einmal gar nicht vorstellen kann, dass sie mich interessieren. Der Weinpapst zum Beispiel, mhm, wieso soll ich das denn lesen, ich trink eh meine fünf, sechs Sorten, die ich kenne, und eh immer nur weiß, und schon gar keinen Bordeaux, was soll´s. Aber ich lese das, und siehe da, nach zwei, drei Seiten ist klar, es geht hier um einen obsessiven Mann, der den Wein liebt, der eine Mission hat, und das lesend, lese ich eine Geschichte über eine Liebe und eine Mission, und ich beginne so eine Psyche zu verstehen, und nebenbei erklärt mir der Autor alles über das Weinbusiness und die Machtverhältnisse in Bordeaux und die Intrigen gegen einen unabhängigen unbestechlichen Geist, und schon ist das sehr spannend und lehrreich und unterhaltsam und kurzweilig, und abgesehen vom Amüsement, das mir eine solche Geschichte bereitet, habe ich viel begriffen - nicht nur über den Wein und den Weintester, sondern auch über Luxusökonomie, geschlossene Gesellschaften, Eindringlinge, Frankreich, Establishment, Warenströme, die Welt also. Wie gesagt, mir kommt die Haltung, die hinter der Entscheidung, so etwas zu lesen, völlig natürlich vor. Aber in Deutschland scheint sie selten zu sein. Leser hier definieren sehr oft ihre Interessens-Identitäten spezieller, ich bin Musikfreak, ich interessiere mich für Computerzeugs, ich beschäftige mich mit Politik, und das durcheinanderzumischen, nebeneinanderzustellen, ist ihnen fremd oder unheimlich oder nicht solide genug oder zu unordentlich, ich weiß es nicht. Vielleicht liegt es daran, dass es hier zu wenig "Bürgertum" (allgemeine Interessen) gibt und zu viele Kleinbürger (partikulare Interessen), dass der Universalist in einer Spezialistenkultur als unseriös gilt, als oberflächlicher Allesfresser, der das Einzelne nicht mit der nötigen Tiefe behandelt (was zwar Quatsch ist, aber ein weitverbreiteter Gedanke). Mir fällt ja schon in meinem Bekanntenkreis auf, dass ich meistens Leute kenne, die sich gut mit diesem oder jenem auskennen, aber von Dingen, die sie nicht wissen, gar nichts erst wissen wollen. Die sagen dann nicht: oh, lass mal gucken, vielleicht ist das ja was, sondern die sagen: nee, lass mal, versteh ich eh nicht, ist nichts für mich. Die beneiden mich zwar für meine Belesenheit, aber tun nichts dafür, sich selbst eine zuzulegen, obwohl ich ihnen ja immer versichere, dass das keine Arbeit ist, sondern Spaß macht, Lust bereitet usw. Vielleicht ist hierzulande auch das Erzählen (wie es das Atlantic oder der New Yorker machen) eine beargwöhnte Sprechweise. Hierzulande will man etwas nicht bloß erzählt bekommen, sondern man will es auch zusammengefasst, beurteilt, eingeordnet und bewertet kriegen, es muss also mit einem bestimmtem Applomb auftreten und mit einer bestimmten Autorität. Deswegen lese ich auch kaum je deutsche Buchkritiken - weil ich in ihnen fast nichts über die Bücher erfahre, aber viel darüber, was sie bedeuten, wofür sie stehen, was von ihnen zu halten ist. Das allerdings könnte ich ja selbst herausfinden, wenn ich das Buch lese, um das es geht.

Das ist auch mein Haupteinwand gegen die von dir angeführte "Zeit". Mir kommt die Zeit, wann immer ich sie lese, viel zu pädagogisch vor; nicht alle Artikel, aber doch zu viele. Es wird mir immer erklärt, was ich von einer bestimmten Politik, einem bestimmtem Film, einem bestimmten Trend zu halten soll; statt dass mir jemand aufschreibt, welche Politik jemand macht, warum jemand diesen Film so und nicht anders gemacht hat, wozu dieser Trend führt, was er bewirkt, welche Protagonisten er hat, woher er kommt etc. Ich halte zwar sehr viel von Aufklärung - aber in der Form der Selbstaufklärung. Die kann man befördern, wenn man mir die Mittel dazu gibt. Und das tun deutsche Zeitschriften nur selten. Atlantic Monthly dagegen erzählt mir sehr genau und sehr liebevoll etwas - und ich kann mir dann überlegen, was das bedeutet, wie ich es bewerte. Der pädagogische Zeit-Gestus ist zwar gut gemeint, macht mich aber ebenso unmündig wie die konsumistischen oberflächlichen Lifestyle-Dinger. Ich hab ja nichts gegen Oberflächlichkeit - es soll sie mir aber einer genau schildern. Die Tiefe finde ich dann schon selbst. Weiß der Teufel, warum man das hier den Lesern nicht zutraut.

Na ja. Vielleicht ändert sich das ja. Ich könnte es mir schon vorstellen. Je mehr die Leute rumkommen, je globaler sie werden, je medienerfahrener, je habituell selbständiger, desto eher werden sie auch veränderte Medien haben wollen. Es gibt ja genügend schlaue Leute, die ein Bedürfnis nach schlauen Medien haben; und es gibt auch genügend schlaue Medienarbeiter: das Problem ist "nur", das zu sammeln, auf der einen und auf der anderen Seite. Dauert noch ein wenig, aber wird schon noch. Warum nicht?

stephan:
das wirklich teure an zeitschriften ist erstens das papier (da kann man wenig dran ändern, solange man qualität gewährleisten will) und die vertriebslogistik. wenn man also von vornherein kleinere märkte in angriff nimmt, kann man kosten senken, braucht man nicht so viel werbung. wenn das substanz hat (aber eine, die das publikum erreicht), braucht man auch nicht die teuren promifotostrecken, die modestrecken, was weiß ich. schreiber selbst sind billig. du zahlst ihnen einen guten lohn (damit sie sich respektiert und gebraucht fühlen), schickst sie in die welt hinaus mit einem reporterblock oder einem laptop, zahlst ihnen ein billiges, aber bequemes hotel, und lässt sie schreiben. und du gibst ihnen einen fotografen mit, der nicht vier assis braucht und kein teures catering und nicht siebzehn lampen. wie damals halt in den twen-zeiten. das tut es schon. und wenn die gute arbeit machen, werden die leute es auch haben wollen. und wenn die leute es haben wollen, werden leute drin werben wollen. es ist nicht so unähnlich wie mit portalen und weblogs: wenn Du ein gutes PORTAL haben willst, musst du xxx Mios ausgeben. Für ein gutes Weblog brauchst du nur einen guten Schreiber. Und das Weblog macht keinen Verlust, aber das Portal schon. So ähnlich. Nicht ganz so, aber tendenziell.

twen:
das tolle am twen war, dass es LIFESTYLE auf eine völlig angenehme beiläufige weise mit HOHEM MORALISCHEM ERNST verbunden hat. da waren all diese geschichten, die es heute noch gibt - welche musik, welche klamotte, welches essen ist cool - und da waren diese geschichten, die es heute nicht mehr gibt: wie sollen wir leben? wo führt das hin? was macht es mit uns? wie sollen wir die gesellschaft verändern? wie sollen wir beziehungen haben? nicht so als ratgeber, sondern ganz ernst, fragend, tastend. das imponiert mir heute noch, obwohl die fragen, die die sich stellten (z.bsp. sollen wir vor der ehe sex haben, wie gehen wir mit homosexualität um usw.), beantwortet sind. mag man sofort wieder haben, eine zeitschrift mit dieser haltung.
das buch, das stefan erwähnt hat, ist zwar okay, aber leider gibt es den eindruck nicht, den twen-doppelseiten gemacht haben. ich kann euch ja mal von meinem lieblingsheft eine farbkopie machen und es rumschicken. müsst ihr nur sagen.
ach ja: und die twen-frau, die henso da als foto aufgetan hat, das ist natürlich romy schneider, und das foto gehört zu einer ganz großartigen romy-geschichte.

Vichy Fond de Teint Creme Satinée:
du musst erst begreifen, wie wichtig es ist, dass schönheitsprodukte unangenehm sind. das gibt ihnen den ernst, der sie glaubwürdig macht. du musst das gefühl haben, dass die teint creme satinée schwerarbeit verrichtet auf deinem teint, das darf nicht so ein angenehmes smoothes schischi convenience ding sein, wie männer es mögen. convenience ist für feiglinge. wachsen! haare ausreißen! nasenpflaster! ich könnte stundenlang über nasenpflaster dozieren. frauwerdung ist harte arbeit, und du hast noch einen langen entbehrungsreichen passionsweg vor dir.

 chra , 10. May 2001 gegen 3:53 

komisch, und ich dachte, das zielpublikum für ein general interest magazin mit einer erkennbaren Hinwendung zu Frauenthemen wären konsumentinnen - naja - (dh ich bin ziemlich weit oben ausgestiegen) -

 der schockwellenreiter , 10. May 2001 gegen 9:11 

... The Atlantic immer toller. Warum gibt es das in Europa nicht?

Gab's mal. In Deutschland. Herausgegeben beim Spiegel-Verlag von HM Enzensberger (wenn ich mich noch richtig erinnere). Tolles Blatt, tolle Reportagen, keine Bilder (außer einigen Vignetten). Keine Leser. Eingegangen... :-(

 praschl , 10. May 2001 gegen 12:05 

Transatlantik hieß das und hatte mit dem Atlantic Monthly nichts zu tun. Herausgegeben von Enzensberger und (glaube ich) Gaston Salvatore, zuerst in München erschienen, dann vom Spiegel-Verlag übernommen. Das war auch das Problem: Das Blatt hätte Zeit gebraucht, alles, was im Spiegel-Verlag erscheint, bekommt wenig Zeit. Liegt an der Verlagskonstruktion und der Mitarbeiterbeteiligung: wenn die Investments mittelfristig nicht zurückkommen, plädiert die Mitarbeiter-Gesellschaft (den genauen Namen habe ich jetzt nicht parat, auch die Rechtsform nicht) recht schnell für die Einstellung, um die Mitarbeiterbeteiligungen nicht zu schmälern. Dasselbe Problem hatte beispielsweise auch econy. So wird aus etwas Gutem (ist ja eigentlich klasse, wenn ein hoher Anteil des Profits an alle ausgeschüttet wird) gelegentlich etwas Innovations-Unfreundliches. Schade drum.

 hns , 10. May 2001 gegen 12:15 

Und der Spiegel reporter war eben doch keine Ausnahme.

 roland , 10. May 2001 gegen 14:22 

ohne das alles da oben schon gelesen zu haben, ein ganz klein wenig (wirklich wenig) zur twen:
http://www.ronsens.de/archiv/2000_11_12_archiv.htm#1346265

 vernaer , 2. November 2001 gegen 5:20 

suche dringend die twen-ausgaben bis einschließlich 1963.
Kann mir irgendwer helfen?
vernaer@web.de

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