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 Montag, 23. April 2001 

The Net does not need to be saved.

Lo-Biz, ein Roman-Manuskript von Angelika Unterholzner "auf der Suche nach einem smarten Verleger, vielen Fans und geilen Groupies".

Es ist ein Fakt: Das Boden-unter-den-Füssen-wegziehen ist nicht mehr populär. Auch die smarten Leute wollen jetzt unterhalten werden. Stellt sich die Frage warum das so ist. Eine mögliche Antwort ist die, dass eben in den Sechzigern und Siebzigern schon zuviel Boden weggezogen wurde. Sozusagen eine kulturelle Gegenbewegung. Eine andere Antwort ist, dass es die Haltegriffe aka Ideologien, an denen man sich damals festhielt, heute nicht mehr gibt. Wir haben nicht die Reserven, uns auf sowas einzulassen. Und schliesslich fällt mir zu Handke ein: Wenn man es schafft, mit einer einzigen einfachen und absolut ununterhaltsamen Idee von einem Tag auf den anderen berühmt zu werden und dabei Literaturgeschichte zu schreiben, dann hat man es leicht, auch weiterhin ununterhaltsam zu sein. Wer im Glashaus sitzt hat leicht stinken, oder so ähnlich.

Bei Chris Langreiter und Tom Fürstner spriessen wundersame Google-Blüten. Wieder müssen Gehirnzellen sterben, und zwar die, die Google mit Search-Engine gleichsetzen. Google ist auch eine Anwendungsplattform. Ist es klug, seine Zukunft auf Google zu setzen? Gibt es ein Developer-Programm? Was plant Googles neuer Capo Eric Schmidt, ein Platform-Manager (Sun/Java, Novell) par excellence?

Praschl kritisiert im Forum das deutsche Neonazi-Aussteigerprogramm, hier ist das österreichische, und hier der Background dazu. Sorry, mir ist schlecht.

Scheiss mich an! (österreichisch für "alle Achtung!")


 p3k , 23. April 2001 gegen 11:06 

"wir", dieses wort ist eigentlich immer unsäglich, wenn es irgendwo geschrieben steht. ich denke dann immer: "wer auch immer ihr seid - was ihr macht, ist eure sache". was die referenz damit auf eine generation angeht, zu der ich auch gehören darf: ich glaub davon kein wort. ideologien wie auch die reserven dafür gibt es nach wie vor. wie das internet nicht gerettet werden braucht, bedarf es auch für politik und kultur keiner rettung. und die immerwährende tragik des lebens wird sich kein schnippchen schlagen lassen. das ist ja das tragische, dass keiner weiss, wann und wo ihm der boden weggezogen werden wird.

 hns , 23. April 2001 gegen 12:19 

Ideologie, die; -,-n 1. politische Theorie einer Bewegung 2. von einer Gesellschaft in einer bestimmten Entwicklungsstufe ausgebildetes System von weltanschaulichen Leitbildern, Anschauungen und Werten 3. den Interessen und der Machterhaltung gesellschaftlicher Gruppen dienendes geschlossenes System weltanschaulicher Leitbilder, Werte und Anschauungen (Copy/Paste aus Langenscheidts Fremdwörterbuch)

2. und 3. sind ja nicht gefährdet, aber ich glaube es wird immer anstrengender, an einer Ideologie im Sinne von 1. festzuhalten. Ungefähr so, wie es anstrengend ist, ohne Fernseher zu leben. Dass die Kultur nicht gerettet werden muss glaube ich auch, allerdings deshalb, weil ich das ganze nicht für eine von vornherein negative Entwicklung halte.

Was das Boden Wegziehen betrifft würde ich sagen es ist ein Unterschied, ob einem das passiert oder ob man's sozusagen als Freizeitbeschäftigung über sich ergehen lässt.

 praschl , 23. April 2001 gegen 12:51 

hai.

ad boden:
ich habe eher das gefühl, dass mir viel zu viel boden unter den füssen ist. und dass er ruhig mal wieder zittern dürfte. ich finde es völlig ununterhaltsam, zu viel boden unter den füßen zu haben.

ad entertainment:
klar wollen smarte leute unterhalten werden. trouble is: dass das entertainment meistens nicht smart genug ist. mir jedenfalls.

ad handke:
im theater ist die publikumsbeschimpfung schon ziemlich lustig, fast wie kabarett. als buch nicht, gebe ich zu. aber handke ist sowieso immer born to be muffig gewesen.

ad rettung:
mir dagegen wäre es ziemlich recht, wenn die politik und die kultur nicht gerettet werden könnten. ich sollte das jetzt begründen, aber das würde zu lange dauern und wäre vermutlich ziemlich fad.

 hns , 23. April 2001 gegen 13:34 

Hi. Ja, die Standflächen der Menschen sind sehr unterschiedlich und machen viel aus. Und ich sehe: ich bin da oben der dummen Trennung von "Unterhaltung" und "Anspruch" auf den Leim gegangen.

Wie ich vor ein paar Wochen den "Tod eines Handlungsreisenden" gesehen und mucho genossen habe [kein Link, ja Katatonik, ich brauch ein Archiv], hab ich gemerkt, dass ich den Film früher nie ertragen hätte. Die vielen Schrei-, Jammer-, Schames- und ganz allgemein Konfliktszenen hätten mich zu sehr mitgenommen. Das hat damit zu tun, dass ich das jüngste von fünf Kindern in einer sich auflösenden und nicht konfliktarmen Familie war. Ich hätte einfach nicht die seelischen Reserven oder den Abstand gehabt.

Stimmt übrigens, wir haben die Publikumsbeschimpfung in der Schule gelesen und es war fürchterlich. Ich frage mich überhaupt, wer die Idee hatte, Dramen in der Schule zu lesen.

 p3k , 23. April 2001 gegen 13:47 

sechs thesen:

1. wer glaubt, zuviel boden unter den füssen zu haben, hat ihn womöglich schon verloren.

2. die wirklich smarten leute unterhalten selbst.

3. es ist ein unterschied, ob kultur und politik nicht gerettet werden müssen oder ob sie untergehen sollen. letzteres klingt immer verdächtig nach lebensmittenkrisengebeuteltem zynismus.

4. eile ist des witzes weile.

5. zu handke hab ich nichts zu sagen. vielleicht braucht er ein weblog.

6. barbara karlich braucht unbedingt ein weblog.

7. wer hat da "google" gesagt?

 chris , 23. April 2001 gegen 13:51 

jetzt fragt sich natürlich, welche wohl die non-these ist.

 chris , 23. April 2001 gegen 13:53 

und re: google, was ich von diesem mörderding hole ist die webweite worthäufigkeit. und die bekomme ich immer irgendwie. gleich wie bspw. die ersten 10 suchresultate. abstraction layer, wir huldigen dir!

 chris , 23. April 2001 gegen 14:46 

aber: meine gesamte zukunft würde ich auch wieder nicht auf google setzen ... ;-)

 katatonik , 23. April 2001 gegen 15:04 

des einen boden ist des anderen plafond. empirisch testbar: wenns dir den boden unter den füßen wegzieht, wachst du garantiert bald in jemand anderes wohnzimmer auf. oder badewanne. oder [ahem]. unterhaltung? stimulierung!

 praschl , 23. April 2001 gegen 15:30 

1. wer glaubt, zuviel boden unter den füssen zu haben, hat ihn womöglich schon verloren.

leider nicht. und das ist nicht im geringsten ironisch gemeint. eher verzweifelt. und das ist nicht im geringsten eine autobiografische verzweiflung, sondern eine, wie soll ich sagen, eine politische eben. fugenloser boden überall. am wochenende, mit der amerikanischen freihandelszone, ist er noch viel fugenloser geworden. ich glaube, ich sollte aufhören, diese öden metaphern immer weiter auszuwälzen. wonach ich mich, gänzlich unironisch und unzynisch, sehne, ist, dass die erde wieder ein wenig zittert.



3. es ist ein unterschied, ob kultur und politik nicht gerettet werden müssen oder ob sie untergehen sollen. letzteres klingt immer verdächtig nach lebensmittenkrisengebeuteltem zynismus.

letzteres kann schon sein. nur ist ein klang kein argument gegen irgendwas. die einzige politik, die mir einleuchtet, ist politik zur abschaffung der politik. politik = herrschaft. was an ihr gerettet werden sollte, weiss ich nicht. alles, was sich immer "andere politik" nennt, ist bloß eine andere version von herrschaft. gelegentlich ist mir die eine version lieber als die andere. aber deswegen muss ich nicht so tun, als ginge es nicht darum, sie abzuschaffen, in ungefähr 400 generationen. in der lebensmitte kriegt man übrigens mit, dass man immer weniger zeit hat, und dass sich noch immer alles so zäh zieht. das macht zynisch. man könnte es auch ungeduldig nennen. oder alterpeinsackmäßig. alle drei verhaltensweisen beherrsche ich.

 katatonik , 23. April 2001 gegen 15:51 

unverständnis - irgendwann sollte mit dem verkürzenden und metaphorischen reden wohl zwecks klarheit ein ende sein. was meint man eigentlich mit "DIE politik retten" bzw. "DIE kultur retten"? wenn man sich nicht als radikalutopist betätigt (wie der seine verhaltensweisen beherrschende herrschaftsanzweifler praschl - konnt ich mir einfach nicht verkneifen, das :-)), dann gehts da wohl um das bewahren und beschützen bestimmter aktueller zustände oder praktiken, die immer nur einen teil dessen darstellen, was man so schwammig "kultur" oder "politik" nennt. [wo aber meist ohnehin nur die die schwammigen ganzheitsbegriffe verwenden, die auch mit wörtern wie "abendland", "untergang" und "zivilisation" nicht geizen.] ... oder es geht um fragen der "inneren organisation" gesellschaftlicher felder (politisches - kulturelles - religiöses usw.). aber wer von euch will da jetzt was gerettet wissen bzw. behauptet, die rettung wovon sei nicht nötig? würde das echt gern wissen, weil so ein bisserl was retten am spätnachmittag käm mir gerade recht. gezeichnet, konfusik.

 p3k , 23. April 2001 gegen 15:59 

hach, was könnte ich von lebensmitten erzählen. immer wieder zu meinen, die lebensmittelmarke erreicht zu haben.

 p3k , 23. April 2001 gegen 16:05 

politik = herrschaft, das ist ja schon konkret und leuchtet mir auch ein.

kultur = rechtfertigung der herrschaft, käme mir dann in den sinn.

und dazwischen ist ja wohl noch jede menge platz für utopien.

 praschl , 23. April 2001 gegen 16:26 

huch, jetzt bin wohl ich wieder dran.

na ja, eigentlich ist es ja ganz einfach. ich sitz und lieg da in einem land herum, in dem sich alle auf einen ganz grauslichen mainstream geeinigt zu haben scheinen. die schröder spd lässt jeden tag eine neue cdu-parole raus, die cdu sagt, gemein, der sagt jetzt, was wir eigentlich sagen wollten, die grünen sorgen für die reibungslose abwicklung von castoren und kriegen, und die pds hat sich letzte woche aber so was von entschuldigt, dass die spd und die kpd zur sed zusammengehauen wurden nach dem letzten weltkrieg, und die neonazis haben jetzt von schily ein aussteigerprogramm spendiert bekommen und kriegen geld, wenn sie da anrufen und sagen, ich hab da ein paar ausländer bewusstlos gehauen, jetzt würd ich gern aufhören damit, wenn ihr mir geld gebt. erinnert mich an den schönen alten satz: ich kenne keine parteien mehr, nur noch deutsche. ach ja, und in der neuen jungle world ist ein sehr aufschlussreiches interview über die bevorstehende selbstauflösung der autonomen antifa, weil antifa ja jetzt staatsprogramm ist und man also das wasser abgegraben bekommt, und außerdem geht es in diesem interview über lange passagen vorwiegend über klamotten und frisuren, also lifestyle.
das ungefähr meine ich, wenn ich "politik" sage, und es wird sehr schnell klar, dass diese ganze sphäre dem fortschritt, dem glück und dem wohlergehen des menschengeschlechtes sehr wenig dient, und dass egal, welche position in ihr jemand wählt, es immer dieselbe position bleibt: festung europa, festung deutschland, effektivierung von dem janzen blablabla gähn gähn. und es ist vermutlich sehr einleuchtend, dass man schon mal auf den gedanken kommt, dass die einzige politik, die es bringt, darin besteht, das alles wegzubekommen. ist ja nur ein gedanken. sehr realistisch natürlich, haha. und natürlich ändert der gedanke nichts daran, dass einem ein schröder - aus möglicherweise bloß geschmäcklerischen gründen - dann doch lieber als ein stoiber ist.
jetzt können wir natürlich alle reihum feststellen, dass wir alle unter allem halt was anderes gemeint haben. wie immer. ich hab halt das gemeint, aber ist auch nicht so wichtig, ich red halt ziemlichen scheiss, wenn der tag lang ist.

was die lebensmittelmarke (gutes wort, übrigens) betrifft, ist man mit 41 ja statistisch schon in der nähe, was mir allerdings nichts helfen wird, wenn mich heute beim nachhausgehen ein fahrradkurier auf seinem weg in die werbeagentur über den haufen fahren wird.

 chronistin , 23. April 2001 gegen 20:39 

kann doch wunderbar sein, den boden unter den füßen zu verlieren! kommst irgendwann mit auf ein tandem, henso? ;-)

 hns , 23. April 2001 gegen 20:56 

Tandem, das ist so ein Huckepacksprung? Besser nicht, wenn du den Schirm nicht aufkriegst würde ich dir bis an mein Lebensende Vorwürfe machen. Aber irgendwann probier ich das Flugzeughoppen, einfach weil es mir so eine Scheissangst macht.

 hns , 23. April 2001 gegen 21:20 

Lebensmittelmarke: ich war da immer übertrieben pessimistisch. Wahrscheinlich schlecht, weil man dann auch mit seinem Körper raubmörderischer umgeht. Ab jetzt stell ich mir auch vor, dass ich mindestens 80 werde, was ja beim medizinischen Fortschritt noch defensiv ist.

 katatonik , 23. April 2001 gegen 21:44 

öh, meinst, wenn sie den schirm nicht aufkriegt, würdest du ihr das bis zum aufprall vorwerfen? mit solchen vorwürfen könnt sie vermutlich leben. ebenfalls bis zum aufprall.

 chronistin , 23. April 2001 gegen 22:31 

Hehe, ich hab doch nicht gemeint mit mir... sondern mit jemand, der's kann!

hatte übrigens den thread vorhin nur überflogen & mich gefragt, was ihr denn mit den lebensmittelmarken habt ... die kleinen zettelchen wo man lebensmittel für kriegt?- OK, jetzt hab ich's besser gelesen...

und, katatonik, die vorwürfe kurz vor dem Aufprall sind die schlimmsten - da kann man sich nicht mehr rechtfertigen 8-}

 hns , 23. April 2001 gegen 23:12 

Ich ... ich ... es ... *platsch*

So knapp über dem Boden sollte man nicht mehr versuchen, einen angefangenen Satz umzuformulieren.

 katatonik , 23. April 2001 gegen 23:26 

... und der nachgelieferte kommentarsatz kommt aus jenen fünf minuten offtext, die jeder nach dem tod zur kommentierung seines eigenen ablebens zur verfügung kriegt. nette serviceleistung von den totenseelenverwaltern. gibts in der form aber erst seit erfindung des fernsehens. im 19. jahrhundert konnten die verstorbenen nur briefe schreiben, die dann gesammelt unter dem namen "rilke" als deutsche gedichte veröffentlicht wurden, was einiges über deutsche dichtung erklärt. heute laufen dafür die nachtodkommentartonbänder auf mtv. den ganzen tag.

 isore , 24. April 2001 gegen 0:44 

brilliant.

 chronistin , 24. April 2001 gegen 8:28 

nja, hm... wirklich? wenn das so ist, ist mit "totenruhe" also nicht zu rechnen?

 1/2tot , 25. April 2001 gegen 14:13 

Mit Totenruhe ist nicht zu rechnen.
Wer Glück hat,
ist in der Mitte des Lebens halbtot.

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